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Gewalt gegen Schwule

Helmut

Gewalt gegen Schwule ist nicht allgegenwärtig, aber man wird doch immer wieder damit konfrontiert. Sicherlich hat sich einiges gebessert sei 1913, als Magnus Hirschfeld angab, dass 30% der Homosexuellen erpresst würden. Oder auch seit 1969, als bei einer Umfrage 33% angaben, das Opfer von Erpressungen zu sein. Der Paragraph 175 existiert nicht mehr, und die gesellschaftliche Akzeptanz ist höher.

Heute bedeutet Gewalt gegen Schwule weniger Erpressung oder Nötigung. An deren Stelle traten längst Pöbeleien, Körperverletzung, Diebstahl und Mord und Totschlag. So wurde in einer ostdeutschen Studie von 1990 festgestellt, dass 55% der Befragten angepöbelt und 25% Opfer physischer Gewalt wurden. In einer anderen Untersuchung von 1992 in Niedersachsen waren die Werte sogar noch höher. 61% wurden beleidigt und 26% Opfer von Gewalttätern. Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine amerikanischen Studie von 1978 fand, dass 35% mindestens einmal wegen ihre Schwulseins überfallen. Und immerhin 14% wurden deswegen erpresst. Diese Zahlen sind erschreckend hoch - immerhin bedeutet das, dass jeder dritte bis vierte Schwule Opfer einer Gewalttat wird. Und das nur, weil er schwul ist.

Die Zahlen sind aber alle mit Vorsicht zu genießen. Zum einen ist es sehr schwer, festzustellen, ob eine Gewalttat schwulenfeindlich motiviert ist. Bei einer Erpressung ist das vielleicht noch einfach: "gib mir Geld, oder ich erzähle allen, dass du schwul bist". Das ist eindeutig. Aber wurde jemand nun überfallen, weil er schwul ist, oder nur, weil jemand auf seinen Geldbeutel scharf war?

Die Polizei führt, zumindest in Deutschland und den meisten westlichen Industrienationen, keine separate Statistik über schwulenfeindliche Übergriffe. Zum einen wären solche Statistiken reichlich wertlos, weil viele Schwule aus Angst vor einem Coming-out oder Diskriminierung durch die Polizei die Gewalttat gar nicht anzeigen oder ihr Schwulsein verheimlichen. Diese Angst wird natürlich bei einer Registrierung des schwulenfeindlichen Hintergrunds noch gestärkt. Aber vor allem führt bereits der Verdacht von rosa Listen zu Protesten durch Schwulenverbände, wie letztes Jahr in Österreich. Zu schlecht sind die Erfahrungen aus dem Dritten Reich, wo die rosa Listen aus der Weimarer Republik gezielt zur Schwulenverfolgung genutzt wurden. Auch diese rosa Listen wurden damals ursprünglich angelegt, um ein Bild von der antischwulen Gewalt zu erhalten und in der Folge Schwule zu schützen.

Trotz dieser Erfahrungen gibt es immer wieder Planungen, die schwulenfeindlich motivierten Gewalttaten polizeilich auch als solche zu erfassen. Vor allem, weil damit harte Zahlen zur Verfügung stünden. Diese braucht man aber, um besondere Maßnahmen gegen diese Form der Gewalt zu fordern. Genauso braucht man diese für neue Einsichten und Kenntnisse über das Phänomen antischwuler Gewalt. Letztendlich könnte man so eventuell die Täter besser verfolgen, oder gar präventiv tätig werden. Die damit einhergehenden Probleme sind aber enorm. Zum einen ist das individuelle Opfer nicht an diesen hehren Zielen interessiert, sondern will einfach die erlittene Gewalt gesühnt sehen und das erlittene Unrecht anprangern. Außerdem besteht die, kaum zu widerlegende, Gefahr, dass die Daten nicht gänzlich anonymisiert werden und damit ein intimes Detail über das Opfer wider dessen Willen registriert und publik wird. Schließlich kann niemand garantieren, dass die registrierten Daten nicht an den falschen Stellen weiterverwertet werden. Eine Studie an der Universität Utrecht kam daher zu dem Schluss: "Als Methode,... Kenntnisse in bezug auf die Art der Homosexuellen Gewalt zu erwerben, hat sich die Registrierung als völlig ungeeignet erwiesen; Zielgruppenforschung führt mit weniger Anstrengung zu weit besseren Ergebnissen."

Alle Untersuchungen kranken an dem Problem, dass wissenschaftlich greifbare Kriterien dafür, was eine schwulenfeindliche Gewalttat ist, kaum aufgestellt werden können. Daher basieren die Umfrageergebnisse aus dem subjektiven Gefühl der Opfer, ob die Gewalt gegen Sie schwulenfeindlich motiviert war oder nicht. Bei allen Unsicherheiten und Fragezeichen sind die Untersuchungen und Zahlen doch interessant, da man nur so ein Gefühl für das Ausmaß antischwuler Gewalt entwickeln kann.

Eine interessante Quelle sind vor diesem Hintergrund die schwulen Überfalltelefone, die in verschiedenen Städten eingerichtet wurden. Da sie aus der schwulen Szene heraus initiiert wurden, ist die Hemmschwelle viel niedriger als gegenüber der Polizei. Dadurch können mehr und verlässlichere Informationen gesammelt werden. Was für Menschen überfallen gezielt Schwule, und warum? Die bei den schwulen Überfalltelefonen gemeldeten Fälle zeigen einen jungen Täterkreis. Rund die Hälfte aller Täter sind unter 22, und nur noch jeder zehnte ist über 30. Die Überfälle werden fast ausschließlich alleine oder in einer kleinen Clique verübt und hauptsächlich durch Männer. Damit wird ein naheliegendes Täterbild bestätigt. Gewalt gegen Schwule wird vor allem von männlichen Jugendlichen begangen. Psychologen nehmen an, dass vielen Jungen ein klares Bild des Mannseins fehlt. In Ermangelung von männlichen Rollenvorbildern schustern sie sich eine überzogene Männlichkeitsvorstellung aus Elementen wie Härte, Stärke, Sportlichkeit etc. zusammen. Der Jugendliche müsse nun ständig sich und seinen Freunden beweißen, dass er diesen falschen Idealvorstellungen entspricht. Eben, dass er ein richtiger Mann ist. Die als weiblich empfundenen oder besser gesagt als weiblich erwarteten Schwulen werden demonstrativ abgelehnt.

Gewalt gegen Schwule ist da gleich mehrfach praktisch. Zum einen kann im Gewaltakt selbst die eigene Stärke, Härte und Macht demonstriert werden. Außerdem können die eigenen Ängste bezüglich der Identität als Mann auf das schwule Opfer projiziert werden und so symbolisch mit ihm besiegt werden. Gerade Jugendliche, die sich ihrer eigenen sexuellen Orientierung nicht sicher sind, sollen deshalb zu antischwuler Gewalt neigen. Dadurch können sie ihre Ängste überkompensieren. Schließlich kann dadurch jeder Verdacht, dass sie selbst schwul sind, schlagkräftig widerlegt werden. Entsprechend hat Prof. Adams von der University of Georgia in einer Studie behauptet, dass 80% der homophoben Männer selbst homosexuelle Neigungen haben.

In dem Schwule abgewertet werden, können die Jugendlichen das eigene Männlichkeitsbild aufwerten und stabilisieren. Vereinfacht kann man also sagen: Jungs gehen Schwulenklatschen, um als toller und garantiert Heterosexueller Hecht dazustehen.

Diese Mechanismen würde aber kaum zu einem nennenswerten Effekt führen, wenn das gesellschaftliche Umfeld dieses Verhalten nicht begünstigen würde. Das die Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben oft nur oberflächlich ist, zeigt eine Umfrage von 1991. Der noch recht unverbindlichen Aussage "Die sexuelle Orientierung von Menschen ist mir gleichgültig, warum sollte ich mich daran stören" stimmten noch zwei drittel der Befragten zu. Ebenfalls zwei drittel möchte aber schon keinen Schwulen in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis oder im Bekanntenkreis. Und auch für zwei drittel ist Homosexualität eine Fehlentwicklung, eine Krankheit oder zumindest ein Laster. Genauso viele wollen denn auch ein Verbot von Schwulen in politischen Ämtern oder als Lehrer. Und immerhin ein fünftel unterstützt die Aussage "was die Homosexuellen treiben ist doch eine Schweinerei, die sollten kastriert werden". Wie da gleichzeitig zwei drittel sagen können, die sexuelle Orientierung von Menschen sei ihnen gleichgültig, ist kaum zu verstehen. Insgesamt zeigt die Umfrage aber deutlich, dass hinter der offen zur Schau getragenen Toleranz immer noch eine tief verwurzelte Abneigung liegt.

Schwulenfeindlich eingestellte Jugendliche können also mit einem gewissen Rückhalt für ihre Ansichten in der Gesellschaft rechnen. Und Widerspruch haben sie auch kaum zu befürchten. Nur wenige Jugendliche werden sich dem Verdacht, schwul zu sein, aussetzen, in dem sie für Schwule Partei ergreifen. Und vermeintlich schwule Lehrer oder Jugendarbeiter müssen mit Akzeptanzproblemen bei den Eltern und den Jugendlichen rechnen. Also gilt vielfach die Devise "Augen zu und durch". Schwulenfeindliche Ausfälle bei Jugendlichen werden so gerne als ganz normale Phase begriffen. Oft trifft dies auch zu, aber hin und wieder werden aus den anti-schwulen Phrasen traurige Realität. Gewalt gegen Schwule ist schwer zu erfassen. Dies liegt auch an der besonderen Situation der Opfer. Schätzungen gehen davon aus, dass nur jede zehnte schwulenfeindlich motivierte Gewalttat angezeigt wird. Gründe dafür gibt es viele. Auch ein Schwuler ist eben nur ein Mann. Und ein Mann gibt eben nicht zu, dass er anderen hilflos ausgeliefert war. Das falsche Bild von Männlichkeit, das die Täter oft erst zu ihrer Tat motiviert, schützt sie hier gleichzeitig auch. Ein spezielles Problem bei schwulen und lesbischen Opfern ist die Angst vor einem unkontrollierten Coming-Out und der eventuellen Diskriminierung durch die Polizisten. Dem ersten Coming-Out gegenüber den Polizisten können noch viele weitere, unfreiwillige folgen, wenn Freunde, Kollegen oder Verwandte erfahren, dass die Gewalttat einen schwulenfeindliche Hintergrund hatte. Oder wer möchte schon seinen Kollegen auf die Nase binden, dass er nach der Machotime im Connexion ausgeraubt wurde?

Viele Täter sehen in Schwulen ein leichtes und sicheres Opfer. Die unmännlichen Schwuchteln werden sich nicht wehren und später trauen sie sich aus Scham nicht zur Polizei. Dadurch werden Schwule als bevorzugtes Opfer auserkoren. Und zumindest bei der Scheu vor der Polizei verkalkulieren sich die Täter all zu oft nicht.

Mit der Gewalttat wird auch die eigene Identität als Schwuler angegriffen. Ähnliche Erfahrungen kennt man von vergewaltigten Frauen, die nach der Vergewaltigung ihre Sexualität nicht mehr unbefangen ausleben können. Da sich auch antischwule Gewalt auf die Sexualität der Opfer gründet, treten bei den Opfern ähnliche Folgen auf. J.L. Herman, die sich mit den Folgen von Gewalt für die Opfer befasst, sagt dazu: "Das Trauma zwingt die Betroffenen, alle früheren Kämpfe um Autonomie, Initiative, Kompetenz, Identität und Intimität noch einmal durchzustehen". Opfer antischwuler Gewalt können in ihrem Coming-Out Prozess um Jahre der persönlichen Entwicklung zurückgeworfen werden. Dadurch kann es für die Betroffenen sehr schwer werden, sich mit der erlebten Gewalt auseinander zusetzen und diese zu verarbeiten.

Polizisten, die mit antischwuler Gewalt vertraut sind, sagen denn auch, es handle sich um ein Gewaltphänomen, bei dem die Täter leichter zu ermitteln sind, als die Opfer.

Opfer werden dabei Schwule aller Altersklassen. Gewalt findet überall statt, zu Hause, in der Szene oder auf der Strasse. Und es trifft auch alle "Typen" - Lederkerle genauso wie Tunten oder der stinknormale Schwule von nebenan. Während also der Täterkreis vergleichsweise gut einzugrenzen ist, kann es bei den Opfern jeden treffen. Dies ist auch einigermaßen logisch, wenn man bedenkt, dass es sich ja nicht um geplante Taten handelt, sondern eher um spontane Ausbrüche jugendlichen Größenwahns. Um einen Eindruck von der schwulen Gewalt zu vermitteln, möchte ich ein paar schwulenfeindliche Gewaltakte auflisten, die in der letzten Zeit Schlagzeilen machten. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig und die Fälle sind auch nicht nach besonderen Kriterien ausgewählt. Es ist einfach ein kleiner Streifzug durch die Pressemeldungen von Ende 1998 bis Ende 1999, also rund ein Jahr.

In München wurde der Travestiekünstler Michael Klug von drei Schlägern brutal zusammengeschlagen, als er in voller Drag-Montur aus der Straßenbahn ausstieg. Im August wurde in München ein 38 jähriger niederländischer Tourist so schwer verletzt, dass er tagelang im Koma lag. Im September traf es dann drei junge Männer, die als "Blöde Schwuchteln" zusammengeschlagen wurden. Überhaupt gab es in München im Herbst 1999 eine Welle antischwuler Gewalt, die die US Schwulenzeitschrift Advocate dazu brachte, von Besuchen in München abzuraten. Der Sprecher der Münchner Rosa Liste: "Es gibt in München etwa 100 Überfälle auf Homosexuelle". Die Polizei sieht jedoch meist keinen schwulenfeindlichen Hintergrund.

In Düsseldorf hat ein Mann rot gesehen, als er angeblich von einem Schwulen betatscht wurde. Daraufhin hat er ihm den Kehlkopf zertrümmert und ihn ausgeraubt.

In Stockholm wurden Anfang August 1999 zum Auftakt und zum Ende des Stockholmer Schwulen-Sommerfestivals «Gaypride» drei homosexuelle Männer von Skinheads aus der Neonazi-Szene misshandelt.

Ebenfalls in Schweden wurde das Büro des Schwulenverbands RFSL in Tollhättan im Frühjahr 1999 15 mal durchwühlt.

In London explodierte im Mai 1999 eine Bombe im schwulen Szenelokal "Admiral Duncan". Die Explosion gehörte zu einer Szene von Anschlägen gegen Minderheiten in London.

In Zittau überfielen laut Polizeibericht 30 Rechtsradikale "eine Veranstaltung der Schwulen- und Lesbenbewegung im Rathauskeller", misshandelten Besucher, plünderten Kasse und Tresen. Im Rahmen dieses Überfalls wurden auch schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben, die nicht bereit gewesen sein soll, einzugreifen und sich geweigert habe, Anzeigen aufzunehmen.

Für sehr viel Aufsehen sorget im Oktober 1998 der Mord an dem 22 jährigen Studenten Matthew Shepard in Wyoming/USA. Shepard wurde brutal geschlagen und dann an einem Zaun wie ein Stück Vieh angebunden, um zu sterben. Selbst der Amerikanische Präsident hat angesichts dieses Mords seiner Betroffenheit Ausdruck verliehen.

Kurz vor dem Mord an Matthew Shepard wurde in Buffalo, New York, auf einen schwulen Mann eingeschlagen. Drei Jugendliche schlugen ihn mit einem Stuhl. Als das Opfer auf dem Boden lag, traten sie ihn mit den Beinen ins Gesicht. Der Mann starb wenig später an seinen Verletzungen.

In Baltimore haben Jugendliche eine 31jährige Drag Queen angeschossen. Der 31jährige Leonard "Lynn" Vines geriet auf offener Straße in eine Gruppe von Jugendlichen, die ihn direkt verbal angriffen. Obwohl Vines nach eigener Aussage einer Konfrontation aus dem Wege gehen wollte, ergriff einer der Jugendlichen eine Pistole und drückte sechsmal den Abzug.

In Monte Rio, Kalifornien, wurden zwei schwule Männer erschossen aufgefunden. Einer der beiden, ein Besitzer mehrerer Schwulenkneipen in San Francisco, hatte sich noch am Vorabend bei einem Freund beklagt, dass ein Fremder ihn andauernd belästigen würde.

Auch in Orlando, Florida wurde ein Schwuler erschossen. Sebastian Durgins, 26, starb an einem Kopfschuss. Die Polizei hält einen schwulenfeindlichen Hintergrund für wahrscheinlich.

Ebenfalls in den USA haben zwei Täter einem 39 jährigen aufgelauert, niedergeschlagen und auf einen brennenden Autoreifenstapel geworfen. Der Grund: er habe sie sexuell belästigt.

In Burton, Staffordshire, wurde der 15jährige Darren an seiner Schule wegen seines Schwulseins gehänselt, getreten und geschlagen. Zudem haben Gleichaltrige mindestens einmal Zigaretten auf seinem Rücken ausgedrückt. Das ergab eine offizielle Untersuchung seitens der Schule, nachdem sich Darren erhängt hatte, weil die Belastungen für ihn zu viel wurden.

In Dublin wurde Anfang 1999 der amerikanische Schriftsteller Robert Drake von zwei Jugendlichen zusammengeschlagen und misshandelt, weil er schwul ist.

In Stuttgart wurde im September 1999 ein 16 jähriger verhaftet, der zugab, einen 36 jährigen mit einem Messer verletzt und andere bedroht zu haben. Als Grund gab er Schwulenhass an. Die schwule Bewegung reagiert auf Gewalt gegen Schwule unter anderem durch die Einrichtung eines Netzwerks von schwulen Überfalltelefonen. Im Juni 1990 wurde das erste schwule Überfalltelefon Deutschlands von Mann-O-Meter in Berlin eingerichtet. Seither wurde dieses Beispiel in vielen anderen deutschen Städten nachgeahmt. Dabei bearbeiten die schwulen Überfalltelefone nach ihrem eigenem Selbstverständnis sechs Bereiche:

  1.  Alle gemeldeten Gewalttaten werden dokumentiert und ausgewertet. Als Teil der schwulen Szene haben die Überfalltelefone den Vorteil einer wesentlich geringeren Hemmschwelle auf Seiten Opfer als beispielsweise die Polizei. Dadurch können wertvolle Daten gesammelt werden, an die staatliche Stellen nur bruchstückhaft kämen. Diese Daten sollen zur Prävention und Lobbyarbeit genutzt werden.
  2. Opfer werden telefonisch oder persönlich betreut und beraten. Auch hier profitieren die Überfalltelefone von der niedrigeren Hemmschwelle. Allerdings stellt eine solche Beratung natürlich hohe Ansprüche an die Beratenden.
  3. Das Wissen über Gewalt gegen Schwule soll gezielt an Schwule und Heteros herangetragen werden. Dabei sollen die Schwulen ohne übertriebene Panikmache für die Gefahr sensibilisiert werden. Den Heteros soll vor allem die antischwule Gewalt bewusst gemacht und für Solidarität plädiert werden.
  4. Die Überfalltelefone verstehen sich auch als Verbindungsglied zur Polizei. Durch diese Mittlerfunktion kann beiden Seiten geholfen werden. Die Opfer sind nicht alleine der vielleicht als bedrohlich empfundenen Staatsgewalt ausgeliefert. Die Polizei soll durch Informationen und Kontakte mit Schwulen sensibilisiert und aufgeklärt werden. In einigen Großstädten gibt es mittlerweile auch spezielle Schwulenbeauftragte bei der Polizei, die sich auch als Ansprechpartner für Opfer schwuler Gewalt verstehen. Aber Bastian Finke, Projektleiter des Berliner Überfalltelefons, sagt in diesem Zusammenhang: "Während wir uns intensiv über den Ansprechpartner der Berliner Polizei für gleichgeschlechtliche Lebensweisen um einen kritischen Dialog mit der Berliner Polizei bemühen, können wir auch heute noch nicht von einer normalen Beziehung zwischen Schwulen und der Polizei reden".
  5. Es soll auch ein Dialog zwischen Opfern und Tätern gesucht werden. Außerdem soll speziell im Dialog mit den Tätern weiteren Gewalttaten vorgebeugt werden.
  6. Durch die Vernetzung der schwulen Überfalltelefone Deutschlands, der Opferhilfen in Deutschland etc. soll ein leistungsfähiges Netz aufgebaut werden, das Opfern tatkräftig zur Seite stehen kann.


Unabhängig davon stehen natürlich auch die restlichen, nicht schwulenspezifischen Anlaufstellen und Hilfen für Opfer von Gewalt zur Verfügung. Gewalt gegen Schwule - das ist in Deutschland und Europa vor allem Gewalt von Einzelnen gegen ein als leicht oder minderwertig empfundenes Ziel. Wir sind in der glücklichen Lage, keine systematische bzw. staatliche Verfolgung ertragen zu müssen. Vor nicht all zu langer Zeit war das hier noch ganz anders, und in vielen Teilen der Welt ist auch heute noch eine staatliche Verfolgung Homosexueller an der Tagesordnung.

Vor hundert Jahren haben selbst Leute wie Magnus Hirschfeld, der ja kaum als schwulenfeindlich anzusehen ist, hanebüchene Operationen befürwortet, um Männer von ihrem Schwulsein zu heilen. So wurden dann Hoden verpflanzt, Gehirnteile entfernt oder einfach kastriert. Sogenannte Therapien, um Homosexuelle mit Elektroschocks etc. zu heilen, waren auch Mitte des Jahrhunderts noch weit verbreitet und finden auch heute noch ihre Anhänger. Vor gar nicht langer Zeit galt Homosexualität nach der Definition der WHO noch als Krankheit. Und auch auf unseren Krankenversicherungschipkarten wurde ein Code für die Krankheit "Homosexuell" reserviert.

Auch die Politik und damit das Rechtssystem sah Homosexuelle lange Zeit als Minderwertig an. In Deutschland ist der Paragraph 175 nur langsam gefallen. Nach seiner unrühmlichen Geschichte während des dritten Reichs, als Schwule ja gezielt verfolgt, kaserniert und getötet wurden, galt der $175 ja auch in der BRD und der DDR zunächst weiter. Langsam vielen dann die Verbote. War zunächst jeder Sex unter Männern strafbar, so war später nur noch Sex mit Minderjährigen verboten und schließlich wurde der 175 in den 90er Jahren in den Bugwellen der Wiedervereinigung endlich aufgehoben. Ähnlich sah dies auch in vielen unserer Nachbarstaaten aus, wobei auch heute noch in einigen für Homos andere Verbote gelten als für Heteros. So etwa in England, wo eine Angleichung des Schutzalters bereits mehrfach am House of Lords scheiterte.

Aus diesen Zuständen resultierende Eingriffe können das Leben eines Menschen genauso schwerwiegend beeinflussen wie ein brutaler Überfall. Plötzlich sitzt man für Jahre im Gefängnis, ist vorbestraft. Oder man wurde medizinisch verkrüppelt, unerträglichen psychischen oder physischen Belastungen ausgesetzt. Zumal diese Form der Gewalt auch systematisch ist und der Gewaltakt kein einmaliges Ereignis ist, das man verarbeiten kann, sondern über Jahre hinweg andauern kann. Auch heute noch gibt es Länder, in denen Schwule verfolgt werden. Staatspräsidenten bezeichnen Schwule als Schande der Nation oder als Untermenschen. Schwulen werden unter Schuttmassen verschüttet - als Gottesurteil über ihren Lebenswandel.

Eine weitere Form der Gewalt, die in der heutigen Sendung sicher zu kurz kam, ist das langsame sticheln und niedermachen von Schwulen, ebenso wie offen zur Schau getragener Hass und Verachtung. Ganz besonders schwule Jugendliche haben darunter zu leiden. Klassenkameraden hänseln sie, behandeln sie wie Abschaum. Und in der Familie finden sie nur all zu oft auch Ablehnung. Oder fürchten diese zumindest aufgrund von Schwulenwitzen oder aufgeschnappten Kommentaren. Sehr viele junge Schwule sehen in diesem Umfeld nur noch einen Ausweg: den Freitod. Viele Statistiken zeigen, dass homosexuelle Jugendliche deutlich höher selbstmordgefährdet sind als heterosexuelle.

 


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Letzte Änderung 30.12.2003